Sie waren stets ganz nah bei den Menschen

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05.10.2020 14:21

Das evangelische Pfarrerehepaar Elke und Ulrich Gratz wird mit einem Gottesdienst in der Oberriexinger Georgskirche in den Ruhestand verabschiedet. Das große Fest mit allen Bürgern soll wegen der Corona-Pandemie erst im Juni 2021 gefeiert werden. Zuvor erhält das Paar noch die Bürgermedaille der Stadt.

Das große Abschiedsfest mit allen Oberriexingern, Freunden und Wegbegleitern von Elke und Ulrich Gratz, das bereits in Planung war, muss Corona bedingt noch bis Juni 2021 warten. Am gestrigen Sonntag wurde das Pfarrerehepaar deshalb zunächst mit einem feierlichen Gottesdienst in der Georgskirche in Anwesenheit von lediglich 80 geladenen Gästen in den Ruhestand entlassen. 

Diesen Festgottesdienst und die Predigt zum Wochenspruch „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!“ teilten sich die beiden auf – wie so manche Aufgabe in den vergangenen 23 Jahren ihres Dienstes in der Enz-Stadt. Dabei wurden sie diesmal begleitet von Jochen Heinecke aus Jena, der zu DDR-Zeiten der persönliche Partnerpfarrer von Ulrich Gratz war und heute nicht nur Landespfarrer für Polizei und Notfallseelsorge in Thüringen, sondern ein enger Freund der Familie ist. Er überbrachte Grüße von der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands sowie vom Ministerium für Inneres und Kommunales des Freistaates und fasste einen Tag nach den Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit treffend zusammen: „Wir haben viel voneinander gelernt.“ 

Zuvor hatte Bürgermeister Frank Wittendorfer in seiner Rede „die aufopferungsvolle Hingabe“ von Elke und Ulrich Gratz gelobt – sowohl für die Oberriexinger als auch über die Stadtgrenzen hinaus. Nach dem Motto „Wenn jeder dem anderen helfen würde, wäre allen geholfen“ seien die Seelsorger an ihre vielfältigen Aufgaben herangegangen, betonte der Rathauschef und meinte weiter: „Das Miteinander und die Mitmenschlichkeit – mit all den Vorzügen und Schwächen – stehen bei ihnen beiden an oberster und erster Stelle!“ Mit einem „genauen Blick auf das, was schief läuft in Stadt und Land, in Gemeinde und Gesellschaft, in Kirche und Welt“ hätten sie bei Bedarf an das Für- und Miteinander erinnert und viele Netzwerke auch und gerade zum Wohle derer geknüpft, „die keine eigene Stimme haben“. Zudem habe er die beiden „als zwei Menschen kennenlernen dürfen, die auch gut andere Ansichten akzeptieren und tolerieren können“. 

Mit Blick auf das von ihnen Geleistete und den bevorstehenden Abschied äußerte Frank Wittendorfer seine Wehmut einerseits, aber dank der bereits geregelten Nachfolge zugleich seine Vorfreude auf das junge Pfarrerehepaar Kisser, das nächsten Sommer ins frisch renovierte Pfarrhaus einziehen wird. Mit einem herzlichen Dankeschön verband er außerdem die Hoffnung auf regelmäßige Treffen in Oberriexingen, denn das künftige Domizil der Ruheständler auf dem Fisslerhof bei Tamm sei „schließlich nicht aus der Welt“. 

Der Vorsitzende des Kirchengemeinderats, Albrecht Noller, hob anschließend hervor, dass das Pfarrerehepaar mit großem Engagement auf vielfältige Weise dazu beigetragen habe, „das Leben nicht nur in unserer Kirchengemeinde, sondern im ganzen Ort mitzugestalten, Gemeinschaft zu pflegen und in all diesem das Leben in Oberriexingen lebenswert zu machen“. Als Beispiele nannte er die von Elke Gratz initiierten ORI-Kindertage, die Gemeindebücherei, das Gemeindefest rund um die Georgskirche, das Männerforum, den Asylkreis und den ORI-Mittagstisch für Senioren, ganz zu schweigen von der Kirchenrenovierung 2007, einer „Mammut-Aufgabe“. – „Du lieber Ulli hast es geschafft, die ganze Stadt zu motivieren. Alle Vereine und Einrichtungen, alle Kirchen im Ort und viele Einzelpersonen haben es sich zu ihrer Aufgabe gemacht, dieses Projekt zu stemmen und zusammen mit dem Förderverein ist es großartig geworden!“, resümierte Albrecht Noller und fügte hinzu, „Euer Gemeindepfarramt war geprägt davon, Gemeinde Jesu Christi nicht nur in der Kirche im engeren Sinne zu sehen und zu gestalten, sondern als ein Teil des öffentlichen und privaten Lebens in unserer Stadt.“ Darüber hinaus hätten beide „das Sichtbare und das Unsichtbare des Glaubens vorbildlich verbunden“ und „den christlichen Glauben und seine Werte der Nächstenliebe vermittelt“ sowie „Menschen in Trauer und Krisen begleitet, ihnen Trost und Hoffnung gespendet“. 

Die Grußworte folgten der offiziellen Entpflichtung durch Dekan Reiner Zeyher. Er verwies auf die Ära, die mit den beiden nun zu Ende gehe, nicht nur in Oberriexingen, sondern im ganzen Kirchenbezirk. Die beiden seien nicht nur Stadtpfarrer gewesen, sondern hätten mit ihrem Einsatz beispielsweise für den interreligiösen Dialog, die Diakonie oder die Notfallseelsorge stets einen offenen Blick über den „Georgskirchturm“ hinaus gehabt und seien „brennend für Gerechtigkeit und Frieden eingetreten“. Dabei seien sie stets „ganz nah bei den Menschen“ gewesen, hätten verständlich geredet und seien „fassbar und sichtbar für alle gewesen, die Rat und ein offenes Ohr brauchten“. „Mit Leidenschaft haben sie sich engagiert, kompetent und profiliert, mit praktischem Geschick und knitzem Lächeln – aller Obrigkeiten zum Trotz! – Danke für Ihren Einsatz. Sie bleiben ordinierte Pfarrer, sind aber nun frei von den dienstlichen Pflichten in dieser Kirchengemeinde“, so der Dekan, bevor er den Entlassungssegen sprach: „Unser Gott segne euch den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er bewahre in euch die Erfahrungen an diesem Ort und in diesem Bezirk. Gott begleite euch auf dem Weg, der vor euch liegt und lasse Vertrauen zu ihm wachsen.“    

Zu den Dankesworten gab es für die Ruheständler interessanten Lesestoff, Thüringer Wurst „zur Stärkung“, ein Buch voller Oberriexinger Erinnerungen und Abschiedsgrüße sowie die für die kommende Gemeinderatssitzung angekündigte Verleihung der Bürgermedaille an Elke und Ulrich Gratz. Dem festlichen Anlass entsprechend sorgten Annegret Fischer an der Orgel, Carolin Haverkamp als Solistin und der Kirchenchor unter der Leitung von Cordelia Mory-Spathelf für die musikalische Umrahmung – und als besondere Überraschung ließ es sich die Brenzband nicht nehmen, mit „Muss i denn zum Städtele hinaus“ und weiteren mitreißenden Melodien den Auszug einzuleiten und dennoch die lachenden Augen der Anwesenden am Ende überwiegen zu lassen. 

Text und Bild mit freundlicher Genehmigung von Vera Gergen - VKZ

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